Friedenstüchtig, nicht kriegstüchtig! Gedenken zum Volkstrauertag
Der Volkstrauertag war in diesem Jahr der 16. November.
Das Gedenken des Landkreises fand dieses Mal in Luckenwalde, zusammen mit der dortigen Stadtverordnetenversammlung, statt. In Luckenwalde ist es Tradition, dass die Fraktionen im jährlichen Wechsel die Worte des Gedenkens sprechen. In diesem Jahr war damit unsere dortige Fraktion Die Linke/LÖS an der Reihe. Die Rede des Vorsitzenden, Felix Thier, der gleichzeitig auch der Vorsitzende unserer Kreistagsfraktion ist, veröffentlichen wir nachfolgend im Wortlaut:
Dieser Tage im November gedenken wir mehrerer Ereignisse in unserer Geschichte.
Am 9. November jährte sich die Reichspogromnacht zum 87. Mal. Damals brannten Synagogen, jüdische Geschäfte, sogar Wohnungen wurden gestürmt.
Jüdinnen und Juden wurden von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, von ihren Nachbarinnen und Nachbarn angegriffen, verschleppt, verletzt, getötet. Und das war der Auftakt zu dem, was folgen sollte: Entrechtung, Ermordung, die massenhafte und systematische Vernichtung jüdischen Lebens.
Die Pogrome waren ein weiterer Schritt zu dem Weltenbrand, den unser Land mit dem Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 entfachte. Und der am Ende dazu führte, was wir hier heute vor uns sehen – Kriegsgräber. Zum Volkstrauertag wird der Opfer von Gewalt und Krieg gedacht. Gewalt und Krieg, von Menschen verursacht und anderen Menschen angetan.
Über den Gräbern der Toten von einst ist Frieden. Doch auch in unserer Zeit gibt es immer noch Gewalt und Krieg, sterben Menschen durch Menschen. Heute wird wieder von Kriegstüchtigkeit gesprochen, aufgerüstet, gekämpft um Macht und Einfluss.
Fakt ist: auf Aufrüstung folgt Aufrüstung. Die Spirale ist längst in Gang gesetzt. Und der Chor des Säbelrasselns wird zunehmend lauter.
Wir reden wieder über Wehrpflicht. Dabei bestimmen Politikerinnen und Politiker im fortgeschrittenen Alter über die Jugend unseres Landes. Beklemmend finde ich, wenn diese Debatte zum einen ohne eben diese Jugend geführt wird.
Und noch viel mehr wühlt es mich auf, wenn in dem Zusammenhang auch von möglichen Losverfahren gesprochen wird.
Wo ist in dieser Debatte die Stimme der jungen Menschen? Über sie wird von Personen an Schreibtischen entschieden, die wohl selbst kaum in der Frontlinie stehen werden.
Fakt ist: Die Jugend unseres Landes will sich einbringen, mitgestalten. Ihnen ist dieses Land nicht egal. Aber reden wir doch dann über soziale Pflichtdienste als erste Option und nur auf ausdrücklichen Wunsch hin über den Dienst an der Waffe. Und gerade bei den sozialen Diensten gibt es so mannigfaltige Betätigungsfelder. Dienst im Rettungswesen, in der Pflege, im Katastrophenschutz – sprich ziviles Engagement.
Junge Menschen von heute haben die Lage von heute nicht herbeigeführt. Sie wurden in die Lage geboren, die ihre Elterngeneration mitverursacht hat. Sie haben diese Lage nicht herbeigeführt, sollen aber für Entscheidungen anderer an die Waffe. Und im Zweifel liegen unsere Kinder dann in Gräbern wie diesen, an denen wir heute mahnend und trauernd stehen. In einigen Augen hier lese ich bei diesen Worten »Träumer« heraus. Aber was ist falsch daran, vom Frieden zu träumen? Sollten sich nicht viel mehr die Menschen hinterfragen, die Frieden nicht an oberster Stelle sehen? »Krieg ist nicht mehr die ultima ratio, sondern die ultima irratio.«, sagte Willy Brandt am 11. Dezember 1971 anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises. Das ist jetzt 54 Jahre her. Hat sich die Menschheit seitdem weiterentwickelt.
Nennen Sie mich Pazifist. Aber in mir sträubt sich alles, wenn ich Worte wie »kriegstüchtig werden« höre und lese. Nein, friedenstüchtig müssen wir sein und werden! Das ist die einzig vernünftige Reaktion beim Blick auf diese Gräber hier!
Und ja, auch das gehört zur Wahrheit dazu: In diesen Gräbern liegen Opfer und Täter.
Reinhard Mey sang einst: »Nein, meine Söhne geb' ich nicht.« Ich meine, recht hat er. Denn unsere Söhne sollten weder Opfer noch Täter werden.
Am Volkstrauertag gedenken wir einmal im Jahr an den Gräbern der Opfer von Gewalt und Krieg.
Setzen wir Lebenden uns an den anderen 364 Tagen eines jeden Jahres für den Frieden ein.
Wir sind es unseren Kindern und Enkelkindern schuldig.
Kontakt zur Fraktion:
Fraktion Die Linke-Die PARTEI-PDS
im Kreistag Teltow-Fläming
Rudolf-Breitscheid-Straße 19
14943 Luckenwalde
Telefon: (03371) 63 22 67
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