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Felix Thier und Gordana Mountrakis (Foto: privat)

Felix Thier

Die Krise in Griechenland - wirklich vorbei?

Laut der medialen Berichterstattung der letzten Wochen ist die Krise in Griechenland beendet. Die Hilfspakete bzw. Geldtransfers sind eingestellt, das Land ist an die Kapitalmärkte zurückgekehrt.

Gordana Mountrakis wurde in Kroatien geboren, hat viele Jahre in Deutschland in einer Firma gearbeitet und ist der Liebe wegen – sie ist mit einem Kreter verheiratet – nach Griechenland gezogen. Ihr Mann, Themis, ist Vize-Bürgermeister in ihrem Wohnort Hersonissos auf der Insel Kreta, die Familie hat ein kleines Hotel und einen Laden, „Back to Nature“, in dem lokale und nachhaltig erzeugte Produkte von Klein- und mittelständischen Unternehmern der Region bzw. der Insel vertrieben werden: Weine, Olivenöl, Kräutermischungen, Webwaren, ... Die Söhne haben u. a. Mathematik studiert, finden jedoch nach wie vor in Griechenland keine feste Anstellung und helfen in den Sommermonaten im Hotel aus.

Felix Thier verbrachte seinen Urlaub in ihrem Hotel „Thalia“ und nutzte die Chance, um mit einer griechischen Unternehmerin über die besagte Krise zu sprechen. Wir geben hier im Interview den Originalton wieder, Anpassungen an die deutsche Ausdrucksweise erfolgten nicht.

Liebe Gordana, Griechenland wurden von der sogenannten Troika, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Europäischen Zentralbank, des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission, herbe wirtschaftliche und soziale Einschnitte verordnet. Was hat das für Dich persönlich bedeutet? Wie hat sich all das auf Euer Familienunternehmen ausgewirkt?

Das kann nicht sein, wie ist das passiert, wann ist es passiert ... Wo war ich? Ich bin hier gewesen und konnte alles beobachten, erleben. Die Griechen waren immer sehr fleißig und Kredite haben sie selten genommen. Tradition war, dass Eltern ihre Kinder absicherten, so taten es auch ihre eigenen Eltern. Von Generation zu Generation übergab man das Familieneigentum an die Jüngeren und man war neben ihnen, um ihnen zu helfen, das Gleiche für ihre Kinder zu tun!

Nun der Schock - wir sind verschuldet - man wird uns helfen!? Unglauben und doch alles entwickelte sich so schnell, dass man kaum verstehen konnte, was geschah. Aber wir waren alle betroffen, man saß im gleichen Boot und man kam noch näher zusammen um zu sehen, wie wir das bewältigen!

Alles wurde auf Eis gestellt! Alles! Das gesparte Geld auf den Banken, Reserve für die Zukunft oder für das Studium der Kinder oder den Hausbau – was tun? Panik, keiner konnte glauben, dass die Banken schließen, dass man nicht an sein Geld konnte. Sein eigenes Geld, sauber verdientes Geld! Viele besser Informierte nahmen das Geld und brachten es ins Ausland (Deutschland, Schweiz, Lichtenstein), die normalen Bürger konnten nur 60 Euro täglich am Automaten abheben!

Die Touristen blieben aus ... die Hetzjagd gegen die Griechen und Griechenland begann! Man konnte Dinge lesen, wo man seinen Augen nicht trauen wollte - viele Beleidigungen, Schläge unter die Gürtellinie, Rufmord, und das an einer ganzen Nation! Die Scham war groß, die Angst breitete sich aus - dann kam die Wut.

Alle schauten zu uns mit erhobenem Finger und richteten die Griechen. Der Grieche machte weiter, was er immer gemacht hat, und rückte noch näher zusammen. Das hat ihn gerettet und ihm nicht den Verstand genommen.

Die neuen Steuern kamen. Man leerte alle Kassen, denn wenn nicht, kam Schlimmeres!

Unglaublich aber wahr: Viele Waren gab es nicht mehr, denn es waren Importprodukte, man gab den Griechen nichts mehr. Jahrelange Kooperationspartner schickten nur noch Ware, wenn das Geld überwiesen war - das ging aber nicht. Es gab Fälle, dass man Geld zusammen gelegt hatte und im Handgepäck mit dem Flieger selbst nach Deutschland, Holland oder Frankreich geflogen kam, um seine Ware zu zahlen, um sie dann später geliefert zu bekommen. Unglaublich? Nein, wahre Geschichten.

Die Hotels, Restaurants usw. mussten ja bestimmte Sachen haben, also ging es uns alle an. Häuser, Betriebe, Grundstücke, Autos, Motorräder wurden unter Wert verkauft, um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Zinsen für schon laufende Kredite verdoppelten sich. Kinder konnten nicht studieren - man konnte nicht genügend Personal nehmen - Sparflamme überall. Arbeitszeiten täglich im Hotel/ Shop von 15-18 Stunden - bis heute! Verpflichtungen wachsen und wachsen - immer weniger bleibt.

In Deutschland liest und hört man fast ausschließlich, dass Griechenland selbst für die Krise verantwortlich ist. Eine zu hohe Staatsquote, geschönte Finanzstatistiken und Bilanzen, Korruption auf vielen Ebenen. Aber versuchen wir einmal die andere Seite zu beleuchten. Was glaubst Du, waren die eigentlichen Ursachen für den Finanzkollaps?

Es wissen nicht viele oder ist es doch ein offenes Geheimnis? Riesige Vorkommen von Erdöl und Gas unter Kreta, Rhodos, Korfu, Zypern, ... Muss ich noch was dazu sagen? Goldgruben im Norden des Landes, Flughäfen, Windenergieanlagen usw. Aber alles in staatlicher Hand, im Eigentum der Griechen. Und heute? Alles weg, privatisiert, in fremden Händen.

Man darf heute immer noch nicht die Erdschätze fördern, es wird den Griechen untersagt - warum? Wenn wir Geld schulden, so könnten wir es doch tun - oder nicht!?

Und die strategische Lage des Landes ist schon immer wichtig gewesen. Sprungbrett in den mittleren Osten, Asien, Afrika – nicht umsonst hat die NATO viele Stützpunkte in Griechenland!

Wenn man hier zu Gast ist, spürt man keine Wut oder gar Hass auf die sparsamen und bevormundenden Deutschen. Fast denkt man, ihr trotzt der Krise mit eurer Lebensfreude. Was hat den Griechinnen und Griechen geholfen, nicht zu verzweifeln, durch diese harte Zeit zu gehen und siehst Du die harte Zeit überhaupt als beendet an?

Die einzige Art und Weise das alles zu überleben, ist eine Familie und Freunde zu haben. Alle saßen im gleichen Boot, alle waren betroffen, man rückte noch näher zusammen.

Viele verkauften ihre Häuser und zogen mit den Eltern zusammen, verkauften das Auto usw.! Hauptsache, man war gesund und zusammen. Das war aber nicht bei Allen der Fall: viele Selbstmorde, was in einem so glücklichen Land wie Griechenland vorher eine Rarität war! Man konnte nicht mit der Schande leben, alles zu verlieren. Jahrelange Arbeit, Familienbetriebe, Investitionen ... Banken mussten ihr Geld haben.

Oft hat man in den letzten Jahren nicht danach gefragt, was die Griechinnen und Griechen wollen. Was würdest Du dir für die Zukunft wünschen, für Euer Unternehmen, für Deine Kinder, für Dich?

Endlich aufatmen, sich weiterentwickeln, planen können ... Seiner Arbeit Früchte empfangen können. Wir persönlich machen weiter, denn es gibt nur ein nach vorne, unsere Kinder sollen ein gesundes Unternehmen übernehmen und ihre Familien ernähren können. Die großen Summen von Geld, die hier investiert wurden, um das Unternehmen zu retten, müssen sich rentieren.

Das was wir tun, ist nicht nur eine Arbeit - es geht um Menschen, die uns mit ihrem Besuch ehren, und wir tun unser Bestes, damit sie eine gute Zeit haben.

Mensch sein und Mensch bleiben - jeder normale Mensch, denke ich mir, möchte arbeiten, etwas schaffen, seinen Verpflichtungen nachgehen und seine Rechte haben.

Der Grieche ist ein recht normaler Weltbürger, sehr gastfreundlich, offen, mit Humor und Menschenliebe. Dieses Volk hat eine große Geschichte, die Gene gehen nicht verloren, aber diese ganzen Turbulenzen sind nicht nur hier bei den Griechen, sondern leider auch in vielen anderen Ländern der EU!

Es gibt noch so viel dazu zu sagen ... Aber ich werde sehr emotional, es ist spät und ich muss nun nach Hause. Mein Tag heute hatte 17 Stunden.

Aber ich bin sehr dankbar: es gibt leider viel Schlimmeres und ich wünsche von Herzen allen Menschen gute Weggenossen!

Liebe Gordana, ich danke für das Gespräch und deine so offenen Worte. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute, Glück und Gesundheit!