19. November 2017

Volkstrauertag 2017: "Die Vergangenheit muss reden, und wir müssen zuhören." (Erich Kästner, 1945)

Kriegsgräberfeld auf dem Gemeindefriedhof in Dobbrikow, Nuthe-Urstromtal

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

jedes Jahr ruft uns der Volkstrauertag zu den Kriegsgräbern und Gedenkstätten. Auch wir haben uns heute hier in Dobbrikow wieder versammelt. Im Namen der Gemeinde Nuthe-Urstromtal, des Landkreises Teltow-Fläming und dem Kreisverband des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, begrüße ich Sie alle zu unserer diesjährigen Gedenkstunde, und danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Dank sagen möchte ich zudem allen, die unser Gedenken jetzt mitgestaltet haben.

Wir gedenken heute in besonderer Weise an die Toten der Kriege, der Gewalt, des Terrors, der Vertreibung. Freilich, viele in unserem Land bezweifeln heute den Sinn des Volkstrauertages. Manche lehnen ihn sogar ab. Andere meinen, er sei nur ein Ritual oder eine Alibiveranstaltung.

Diese Gefahr besteht sicher. Denn der Volkstrauertag ist ein schwieriger “Feiertag“; ihn zu begehen fällt uns nicht leicht. Der Volkstrauertag legt einen Finger in alte Wunden. Er erinnert an Schrecken und Fehler der Vergangenheit, die lange zurückliegen. Diese Erinnerungen drohen, sieben Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, immer mehr zu verblassen. „Weil die Toten schweigen, beginnt alles immer wieder von vorn“, schrieb der französische Philosoph Gabriel Marcel, der beide Weltkriege erlebt hatte und ein Vergessen befürchtete.

Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimmen hören und ihre Mahnungen beherzigen, haben wir in Deutschland den Volkstrauertag geschaffen und halten an ihm fest.

Die Notwendigkeit des Erinnerns hat auch Erich Kästner betont, als er im Vorwort zu seinem 1945 entstandenen Tagebuch „Notabene 45“ schrieb: „Die Vergangenheit muss reden, und wir müssen zuhören. Vorher werden wir und sie keine Ruhe finden“. Der Volkstrauertag wurde als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt, auf Vorschlag des kurz zuvor gegründeten Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Der Tag sollte ein Zeichen der Solidarität derjenigen, die keinen Verlust zu beklagen hatten, mit den Hinterbliebenen der Gefallenen sein. Doch die Nationalsozialisten erklärten 1934 den Volkstrauertag zum staatlichen „Heldengedenktag“.

Er sollte alle Deutschen in der Trauer vereinen. Aber alle, die aus politischen oder sogenannten rassistischen Gründen nicht zur „NS–Volksgemeinschaft“ zählten, wurden aus dem Gedenken herausgelöst. Seit 1945 wird am Volkstrauertag auch der zivilen Opfer des Krieges gedacht und heute ist der Volkstrauertag den Opfern von Krieg und Gewalt gewidmet und zugleich Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden.

Ebenso gehört es zum Volkstrauertag, daran zu erinnern, dass mitten unter uns immer noch viele Opfer von Krieg und Gewalt leben. Das viele Menschen noch heute still leiden, weil sie die Schrecken erlebt haben, weil sie misshandelt oder vertrieben wurden oder weil sie Angehörige verloren haben. Und deshalb bin ich froh, dass wir heute eine Zeitzeugin unter uns haben, die einige Worte im Anschluss zu uns sagen wird. Ich möchte besonders Frau Helga Kroop aus Schönhagen begrüßen.

Meine Damen und Herren, unter Krieg und Gewalt hatten damals und haben heute in erster Linie die Unschuldigen zu leiden, Frauen und Kinder, Alte und Schwache. Die Bildhauerin Käthe Kollwitz brachte das bereits nach dem Ersten Weltkrieg wie folgt auf den Punkt: „Die eigentlichen Verlierer der Kriege sind immer die Eltern, die Frauen, die Mütter“.

Und sie schuf ihnen mit der Skulptur der trauernden Eltern und ihrer Pieta zwei der wenigen Mahnmale, die an diese Opfer der Kriege erinnern.

Bis heute toben um uns herum viele furchtbare Kriege. Mord und Folter, Grausamkeit, Hass und Terror verdunkeln auch unsere Zeit. Viele Terrorgruppen glauben in einer grenzenlosen Anmaßung, über Leben und Tod entscheiden zu können.

Für Millionen von Menschen gehören Hass und Gewalt, Terror und Krieg zum Alltag: im Nahen Osten, in Afrika, in den vielen anderen Regionen der Erde, die oft seit Jahrzehnten wenig anderes kennen als Krieg und Gewalt. Die Zahl der Opfer ist kaum noch zu beziffern. Und noch weniger das Ausmaß an Leid und Elend, das sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Jedes einzelne Opfer hatte eine Familie, hatte Angehörige und Freunde die mitbetroffen sind.

Denen es nicht anders ergeht, als den Hinterbliebenen und aus den der Heimat Vertriebenen Menschen bei uns, nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Volkstrauertag erinnern wir auch der Opfer von heute, wir blicken auf unsere jetzige Zeit.

Darum ist es wichtig, dass der Volkstrauertag auch heute, viele Jahrzehnte nach den Weltkriegen und der NS–Gewaltherrschaft, die Menschen erreicht. Deshalb müssen wir uns fragen, wie wir das Gedenken an die nachwachsenden Generationen weitergeben können. Denn viele junge Leute, die zum Glück nie Krieg im eigenem Land erlebten, meinen heute: Volkstrauertag, das ist etwas für die Alten. Mich geht es nichts an. Ich habe doch den Krieg und die Gräuel weder miterlebt noch mitverschuldet.

Das ist richtig. Aber auch den Jüngeren geht unsere Geschichte etwas an.

So wie es der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985, in seiner Rede zum 8. Mai formulierte: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.".

Deshalb darf es gar keine Frage sein, ob wir den Volkstrauertag noch brauchen. Denn er erinnert nicht nur an die Opfer der Vergangenheit. Er erinnert ebenso an unseren Auftrag für die Gegenwart und die Zukunft. Er mahnt, nicht zu vergessen, sondern zu hören, was die Toten zu sagen haben. Es bleibt ein Stachel im Fleisch unserer Dickfälligkeit und Vergesslichkeit.

Der Volkstrauertag ist nicht nur ein Tag der trauernden Erinnerung, sondern auch ein Tag, der zum Nachdenken und Handeln aufruft.

Er fordert dazu auf, sich damit auseinanderzusetzen, was während der beiden Weltkriege und der NS-Herrschaft an Gewalt und Unmenschlichkeit geschehen ist und was heute Entsetzliches geschieht. Der Volkstrauertag ist gerade heute hochaktuell.

Ja, wir müssen uns erinnern und immer wieder fragen: Wie war es möglich und wie ist es möglich, dass in unserer vermeintlich so fortschrittlichen Zivilisation, so viel Unmenschliches geschehen konnte und weiterhin geschieht? Gedenktage wie der Volkstrauertag erinnern uns immer wieder daran, das Andenken der Opfer in Ehren zu halten und auf ihr Vermächtnis zu hören. Und das Vermächtnis der Opfer lautet: Wir müssen aus dem Geschehenen die notwendigen Konsequenzen ziehen. Wir müssen alles uns Mögliche tun, damit wir und unsere Kinder eine friedliche Zukunft haben.

Der Volkstrauertag fordert uns immer vom Neuen auf, mit Entschlossenheit und persönlichem Engagement den Frieden und die Freiheit zu bewahren und zu sichern, in uns selber, in unserem Land, in Europa, in der Welt. Unsere geschichtliche Erfahrung ist, dass Krieg und Gewalt schnell ausbrechen können, dass sich aber die Freiheit und die Sehnsucht nach Frieden auf Dauer nicht unterdrücken lassen. Darum gehört zum heutigen Tag auch die Hoffnung, dass Frieden und Freiheit in allen Teilen der Welt Wirklichkeit werden.

Der Blick in die Geschichte, zu dem uns der Volkstrauertag aufruft, macht aber auch klar, Freiheit und Frieden sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen stetig neu errungen werden. Der Philosoph Karl Jaspers hat so formuliert: „Die Gewohnheit der alltäglich gegebenen Freiheit verführt zur Passivität. Das Bewusstsein der Gefahr schläft ein.“.

Tatsächlich schlummern Gefährdungen des Friedens oft schon in vielen alltäglichen Gewohnheiten, in vielem, dem wir mehr die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Denken wir an die Gewalt gegen Natur und Kreatur, an die Rücksichtslosigkeiten im Straßenverkehr, an die Gewalt in den Familien, gegen Frauen und Kinder, an die Gewalt im Umgang mit alten Menschen, an die Gewaltsamkeiten in unseren politischen Auseinandersetzungen. Aber es geht nicht nur um direkte Gewalt. Unfriede bahnt sich bereits im alltäglichen Sprachgebrauch an, welcher andere herabsetzt. Unfrieden bahnt sich an, wenn wir Freiheit oder Gesundheit des Anderen nicht mehr achten, wenn wir anders Denkende ablehnen oder Fremden feindselig begegnen. Und auch denjenigen, die ihre eigenen Lebenschancen nicht teilen wollen mit anderen, die in ihrer Not zu uns gekommen sind, setzen den Frieden aufs Spiel.

Friedfertigkeit beginnt bei jedem Einzelnen von uns. Ob man es nun Nächstenliebe oder Solidarität nennt. Immer geht es darum, die Ich–Bezogenheit zu überwinden. Wenn wir den anderen als Person achten und ihm mit Respekt begegnen, dann tun wir etwas für den Frieden in unserem Umfeld.

Meine Damen und Herren, am Volkstrauertag trauern und gedenken wir als Gemeinschaft. Wir teilen die Trauer der Angehörigen und Hinterbliebenen aller Opfer, wir verständigen uns auf das, was wichtig ist. Von unserem Volkstrauertag sollen auch Hoffnungen ausgehen, Hoffnungen auf Menschlichkeit und dauerhaften Frieden. Der Volkstrauertag mahnt uns, allen Opfern von Krieg, Gewalt und Terror ein ehrendes Andenken zu bewahren.

Aus diesem Grund legen wir in Ehrfurcht und als Zeichen der Trauer und des Gedenkens unseren Kranz nieder. Und ich wünsche uns allen, dass der Volkstrauertag zu einem Volksfriedenstag wird.

Monika Nestler, Bürgermeisterin der Gemeinde Nuthe-Urstromtal, hielt diese Rede bei der Gedenkfeier des Landkreises Teltow-Fläming in Dobbrikow.