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22. Juni 2018

Sündenbock Wildschwein

Um dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland vorzubeugen, sollen Wildschweine vermehrt gejagt werden – auch während der Schonzeit. Für den Deutschen Tierschutzbund ist dieser Weg falsch. Der Verband nimmt die Landwirtschaft in die Pflicht.

Wenn aufgrund von Schwarzmalerei der Tierschutz außen vor bleibt, bringt das Tierschützer auf die Barrikaden. „Inakzeptabel“ lautet ein Ausdruck, der James Brückner, Abteilungsleiter für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund, in den Sinn kommt, wenn es um die aktuellen Präventionsmaßnahmen gegen die Afrikanische Schweinepest in Deutschland geht. Dass der Bundesrat im März zustimmte, dass Wildschweine nun grundsätzlich ganzjährig bejagt werden dürfen, „lehnen wir ganz entschieden ab“. Gerade in der bisherigen, jetzt aufgehobenen Schonzeit im Februar und März finden die Tiere vielerorts kaum Futter und haben nur noch wenig körpereigene Reserven. Die Jagd auf sie stresst sie zusätzlich. Nicht nur Wildschweine, auch andere Tiere sind betroffen, wenn Treiber und Schüsse sie aufschrecken und sie darum mehr Energie verschwenden. Für den Deutschen Tierschutzbund immerhin ein kleiner Erfolg: Die vorgesehene Regelung, auch weibliche Wildschweine, die Bachen, aus einer Rotte mit halbwüchsigen Frischlingen abzuschießen, hat der Bundesrat gestrichen. „In der Praxis würde dies dazu führen, dass vermehrt Frischlinge allein zurückbleiben“, warnt Brückner. Diese seien ohne die Elterntiere hilflos, könnten den gefrorenen Boden nicht aufbrechen und würden verhungern. „Dies wäre klar tierschutzwidrig und entspräche nicht der Waidgerechtigkeit, die sich die Jägerschaft selbst auferlegt hat.“

Übertriebene Panikmache

Doch warum eigentlich sollen so viele Wildschweine sterben? Nach Fällen der Afrikanischen Schweinepest in Polen und Tschechien forderte der Deutsche Bauernverband eine Reduktion des hiesigen Wildschweinbestandes um bis zu 70 Prozent. Eine verdünnte Population solle seiner Meinung nach das Risiko verhindern, dass die Schweine die Seuche einschleppen oder weiterverbreiten und sich Hausschweine, deren Fleisch viele Menschen verzehren, infizieren. „Schon jetzt werden bundesweit pro Jahr mehr als 500.000 Wildschweine getötet, ohne dass dies die Population reduziert. Werden Schonzeiten aufgehoben und aus Tierschutzsicht problematische Methoden, etwa der Fallenfang von Wildschweinen mittels sogenannter Saufänge, verstärkt eingesetzt, ist das der falsche Weg“, so Brückner.

Die Panikmache ist ohnehin übertrieben. „Das Risiko, dass Wildschweine die Afrikanische Schweinepest über Grenzen hinweg einschleppen und übertragen, ist laut Experten des Friedrich-Löffler-Instituts nur als mäßig einzuschätzen“, sagt Dr. Stefanie Zimmermann, Referentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Der Bewegungsradius der Tiere sei zu klein. Erkrankte Wildschweine würden sterben, bevor sie die Viren weit verbreiten. „Die Hauptursache für die Ausbreitung fällt bei den Forderungen unter den Tisch“, so Brückner. „In erster Linie ist es der Mensch, der das Virus über weite Strecken verbreiten kann.“

Risikofaktor Mensch

Meist überträgt sich das Virus indirekt. „Da es sehr widerstandsfähig ist, kann es lange auf Gegenständen, an Kleidung oder in verarbeiteten Fleischprodukten überstehen“, berichtet Dr. Zimmermann. So erfolgt eine Übertragung selbst über große Distanzen, beispielsweise über ein mitgebrachtes Fleischerzeugnis oder ein kontaminiertes Transportfahrzeug. Die hohe Zahl an Lkw, die Deutschland als Transitland durchqueren, birgt ein erheblich größeres Risiko für die Einschleppung als die Wildschweinpopulationen. Daher mahnt der Deutsche Tierschutzbund die Landwirte, ihre Tiere durch effektive Hygiene- und Schutzmaßnahmen vor einer Infektion zu schützen. Dazu gehört, dass die Verantwortlichen betriebsspezifische Kleidung tragen und Fahrzeuge sowie Gegenstände, die von außen in den Betrieb kommen, reinigen und desinfizieren. Auch Transporteure und Jäger zu sensibilisieren, die das Virus ebenfalls verbreiten können, ist essenziell.

Der Verband setzt sich zudem für eine Reduktion der Tierzahl pro Bestand ein, da bei Seuchen weniger Tiere erkranken beziehungsweise getötet werden müssten. „Wenn die Afrikanische Schweinepest in einem Betrieb ausbricht, muss laut Gesetz der ganze Bestand getötet werden“, erklärt Dr. Zimmermann. „Die zunehmende Spezialisierung in der Schweinehaltung auf Ferkelerzeugung, -aufzucht und Mast in jeweils einzelnen Betrieben erfordert Tiertransporte zusätzlich zum Transport zum Schlachthof“, so die Referentin. Die Viren können so über große Strecken neue Bestände erreichen. Daher befürwortet der Verband Betriebe, in denen Schweine von Geburt bis Ende der Mast leben. Hausschweine, die in Freilandhaltung oder im Stall mit Auslauf leben, sind dabei keinem größeren Ansteckungsrisiko ausgesetzt als Schweine in industrieller und abgeschotteter Haltung. Laut Gesetz muss die Haltung so gestaltet sein, dass die Hausschweine nicht mit Wildschweinen in Kontakt kommen können, zum Beispiel durch doppelte Umzäunung des Geländes. „Wichtig für alle Betriebe ist auch, Futter und Einstreu sicher zu lagern, sodass kein Kontakt mit Wildtieren stattfinden kann“, fasst Dr. Zimmermann zusammen.

Der Deutsche Tierschutzbund appelliert an den gesunden Menschenverstand der Verantwortlichen in der Landwirtschaft, ihre Tiere dementsprechend vor dem Virus zu schützen. Die Wildschweine als Sündenbock zu missbrauchen hilft nicht.

Joshua Duhme, Zeitung "DU UND DAS TIER", Ausgabe 02/2018, S. 21

Hintergrund:

Die Afrikanische Schweinepest ist eine Tierseuche, an der Haus- und Wildschweine erkranken können. Nach einer Infektion mit dem widerstandsfähigen Virus verenden sie meist innerhalb einer Woche. Die Symptome sind in der Regel unspezifisch, es treten meist hohes Fieber, Magen-, Darm- und Haut-Blutungen auf. Für Menschen ist die Krankheit ungefährlich. Wie ihr Name erahnen lässt, ist die Seuche ursprünglich in Afrika aufgetreten. Seit 2007 hat sie sich im osteuropäischen Raum ausgebreitet.