30. Oktober 2017

Fünf Tage St. Petersburg im Oktober 2017

St. Petersburg (Foto: Nakath)

Unsereins kann nicht in St. Petersburg an der Newa stehen, die ungebrochene Schönheit der Stadt im Blick, ohne an die 900 Tage zu denken, die Leningrad im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht belagert war zum Aushungern, Verdursten und Erfrieren. Und im schon eisfrischen Oktoberwind kommt für eine Sekunde die Vorstellung, die Rote Armee hätte Gleiches mit Berlin getrieben ...

100. Jahrestag der großen Revolution -

erlebt in einer modernen, aus den Nähten platzenden Großstadt. Vom neuen Flughafen, der alte ist längst schon nur noch für den Inlandverkehr geeignet, mit dem Taxi über neue aufgestelzte Autobahnen mit Sicht auf das ebenso ganz neue Stadion für die Fußball-WM 2018.

Wir waren mit russischen Freunden im Alter unserer Kinder zu dieser Reise verabredet. Das Erlebnisspektrum war weit gefächert und reichte vom Weltklasseeishockey beim Spiel vom SKA Petersburg gegen Jokerit Helsinki in der Kontinental Hockey League bis zum klassischen Ballett "Giselle" im ausverkauften barocken Mariinski-Theater, das einmal Kirow-Theater hieß und das Erstaunen darüber, dass unter den Zuschauern viele junge Familien mit ihren Kindern waren, die am liebsten gleich selbst auf der Bühne tanzen wollten. Und zu schwärmen erlauben wir uns von allweil erlebter ausgezeichneter Gastronomie.

Über den Prunk der Eremitage und des Jekaterinenschlosses in Puschkin muss ich hier nicht berichten. All diese Sehenswürdigkeiten hatte ich bereits zu Sowjetzeiten besucht und fotografiert, zum Studentenaustausch 1971, zur spannenden Fahrt mit unserem PKW von Potsdam nach Leningrad, um den Alltag unserer Freunde zu erleben und zuletzt im Februar 1989 zu Perestroikazeiten, als ich von Moskau aus, wo ich zum Einjahreslehrgang an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften studierte, zu meinen Freunden nach Leningrad reiste. Damals mit dem Nachtexpress in sechs Stunden Reisezeit, heute braucht der Zug nur noch vier Stunden.

Über die Revolution haben wir mit unseren Freunden viel geredet und darüber, was sie von ihren Eltern erfahren hatten. Und am 25. Oktober, dem Beginn der Oktoberrevolution (nach dem alten Kalender) vor 100 Jahren haben wir mit bestem Wodka reichlich angestoßen, ermuntert durch zahlreiche Trinksprüche, immer wieder den Frieden und die Freundschaft beschwörend. Die Zeit zum Reden reichte kaum, aber Reden können wir auch in Potsdam oder Berlin, wo sie inzwischen auch zu Hause sind.

Die Luft jedenfalls über der Stadt und über der Newa ließ uns wieder einmal fühlen, dass kleingeistig-provinzielle Europa-Ideen eine Sackgasse sind.

Anita Tack